3. Bad Meinberger Kunst- und Kulturtage

Kalari

Kalaripayattu ist die traditionelle Kampfkunst Südindiens. Sie wird seit Jahrhunderten in Kerala gelehrt und ist tief verwurzelt in der indischen Kultur. Sie beinhaltet Bewegungstraining, bewaffneten und unbewaffneten Kampf, Atemtechniken, verschiedene Meditationsformen und spezielle Heilmassagen. Dadurch finden sich enge Verbindungen zu südindischem Tanz, Ayurveda und Yoga.

Manch ein Gelehrter, der sich auf die Spurensuche nach den Ursprüngen dieser faszinierenden Bewegungsform gemacht hat, hält sie sogar für den Ursprung vieler anderer asiatischen Kampfkünste wie Karate und Judo. Viele Elemente dieser im Westen bekannteren asiatischen Kampfkünste finden sich in der indischen Version wieder.

Doch Kalari ist anders. Hatte man einmal die Gelegenheit, Kalariexperten zuzusehen oder sogar an einem Training teilzunehmen, fühlt man sich mehr an einen Tanz erinnert, einen rasanten Kampftanz mit dynamisch fließenden Bewegungssequenzen, Drehungen und hohen Sprüngen.

Diese Kampfkunst ist nicht auf schnelle Effektivität ausgerichtet. Der Kampfsportler findet keine direkten Techniken für den effektiven Straßenkampf, vielmehr ist Kalari eine Bewegungskunst, bei der die Freude an der Bewegung, Flexibilität und Dynamik im Vordergrund stehen. Die Vielseitigkeit der Bewegungsfolgen und Positionen sind aus dem Tierreich entlehnt. Es gibt den drehenden Fisch, den springenden Hirsch, Löwe, Pferd und Schlange, Wildschwein, Hahn und -natürlich- Elefant haben alle ihre Art sich zu bewegen, verteidigen und notfalls anzugreifen.

Die erste Trainingsstufe heißt Maipayattu und bezeichnet die Körperkontrolle und Balance auf dem Boden und in der Luft. Der Kalariexperte nutzt den ganzen Raum in Höhe, Tiefe und Breite.

Die im Grundtraining eingeübten Bewegungen werden in der zweiten Trainingsstufe - Kolthari - mit verschiedenen Waffen aus Holz geübt. Dann dienen z. B. Stock und Speer als Verlängerungen des Körpers. Und jetzt kommt auch die kämpferische Komponente von Kalari voll zum Ausdruck: der bewaffnete Kampf wird mit einem Partner trainiert. Doch auch diese Sequenzen verlieren nicht den tänzerischen Ausdruck und die Eleganz der Bewegungsabfolgen.

Die dritte Stufe - Ankathari - führt Waffen aus Metall ein. Schwert, Schild, Messer u. a. erfordern eine noch größere Präzision und Körperkontrolle.

Ein Sprichwort in Malayalam, der Sprache Keralas, sagt, daß beim Kalari der ganze Körper so sensibel und wachsam wie ein Auge werden soll. Diese Einstellung ist ein fundamentales Grundprinzip des Kalari. Und dazu zählt neben Körperkontrolle, differenzierter Koordination und Flexibilität auch die innere Aufmerksamkeit und Achtsamkeit.

Hier wird der tiefe Bezug zum Yoga deutlich. Das ganzheitliche Konzept von der Einheit von Körper und Geist wird auch im Kalari in Form von Asanas (Positionen), Pranayama (Atemlenkung) und Meditation geübt. Geschmeidigkeit und Beweglichkeit des Körpers und Aufmerksamkeit und Konzentration des Geistes werden außerdem durch die Ausführung der therapeutischen Massage mit pflanzlichen Ölen unterstützt

Denn eingebettet in die Kalaritradition ist ein Heilwissen, eng verbunden mit der ayurvedischen Heilkunde. Der Kämpfer soll fähig sein, die Verletzungen des Kampfes auch zu heilen. Im Mittelpunkt dieser Heilkunst steht die Lehre der Marmas, der Vitalpunkte im Körper. Dieses Geheimwissen wird dem Schüler nicht eher offenbart, bis der Meister von dessen gutem Charakter und positiver Bereitschaft überzeugt ist.

Dies bezeichnet dann die vierte und letzte Stufe im Trainigssystem, Verumkai.

Auf dieser Stufe wird der Schüler also in die Marmalehre eingeweiht, um deren heilende Wirkung in der Kalarimassage zu  nutzen, aber auch, um anzugreifen und sich zu verteidigen. Das wird im unbewaffneten Kampf trainiert.

Das philosophisches System, auf dem Kalari beruht, gibt einen präzisen Weg der Gewaltlosigkeit vor, weg von Aggression und hingerichtet zu Selbstanalyse und Selbstkontrolle. Das Ziel eines jeden Kalarischülers ist deshalb nicht nur die reine Kenntnis aller Verteidigungs- und Angriffstechniken, oder die bloße Anwendung der verschiedenen Waffen, sondern es geht außerdem darum, Gefühle wie Zorn und anderes impulsives, gewaltätiges Verhalten zu überwinden und zu zähmen.

Aus diesem Grund ist diese Kampfkunst auch in die Lehre der Buddhisten und Jains aufgenommen worden, welche friedvolle Lebensführung und gewaltfreies Nebeneinander zum Ziel haben. Doch der religiöse Hintergrund ist noch nicht eindeutig geklärt. Fest steht, daß Kalari noch heute in Kerala stark in das hinduistische Leben eingebunden ist. Das äußert sich schon im Namen selbst: So bezeichnet Kalari einen Ort des Lernens, der der Muttergöttin geweiht ist. (Payattu ist die Kunst des Kampfes) In jedem traditionellen Kalari gibt es deshalb einen der Göttin geweihten Platz, Poothara. Hier wird eine Manifestation der Muttergöttin, meist Kali, vor und nach jeder Trainingseinheit mit einem Begrüßungsritual verehrt. Es werden Blumen gegeben und Öllampen gezündet. Auch Ganapathi, der als Elefantengott Hindernisse beseitigt, hat seinen Platz in der Kampfhalle. Kalari hat immer weitere Bekanntheit erreicht, doch in Kerala selber sind die meisten dieser Rituale noch erhalten.

Die Eleganz der Bewegungen machen Kalari zur Bühnenkunst. Schon während der Ausbildung wird dieser Aspekt hervorgehoben, da es keine Wettkämpfe im herkömmlichen Sinne gibt, sondern es gibt Vorführungen, bei denen Schüler zusammen ihre Schule repräsentieren und für diese versuchen, die perfekteste Performance zu bieten.

Kalari hat einen nicht unerheblichen Einfluß auf die Aufführungskünste und Tänze Südindiens und Keralas gehabt. Das ist z.B. zu sehen in Kutiyattam, Kathakali, Theyyam, Padayani, Krishnattam u.a.. Diese Formen lassen Schrittfolgen, Bewegungsabfolgen und choreographische Elemente erkennen, die die enge Verbindung zu Kalari zeigen. Besonders die Schauspieler des Kathakali üben in ihrem Training die Tierpositionen und Sequenzen des Kalari.

Auch in der modernen indischen Tanz und Theaterkultur sind Elemente dieser alten Kunst zu sehen. Auf der Bühne spielen Körperkontrolle und Aufmerksamkeit eine gesteigerte Rolle, ist doch die Körpersprache das Mittel mit dem der Aufführende zum Publikum spricht und jede Bewegung des Künstlers wird genaustens registriert. Der Künstler läßt immer den Körper für sich sprechen, er setzt ihn ein, um sich mitzuteilen. Um den Körper kreativ und unmißverstänlich einzusetzten, ist unbedingt ein bewußter Einsatz der Körpersprache auf der Bühne nötig. Wie ein Instrument kann der Körper eingestimmt werden auf die maximale Effektivität auf der Bühne. Der Körpereinsatz kann trainiert werden, um das volle Potential des Künstlers auszuschöpfen.. Dieses Trainig sollte regelmäßig sein, um Konzentration, Aufmerksamkeit und Auffassungsgabe gleichermaßen zu erhalten und zu steigern.

Durch die Bewegungsabfolgen werden Koordination und Auffassungsgabe geschult, natürlich auch Flexibilität und ein Gefühl dafür, sich im Raum zu bewegen. Die verschiedenen Kicks erforden ein hohes Maß an Balance und Konzentration. Beim Stockkampf und den anderen Waffen lernen die Schüler sich mit einer anderen Person zu koordinieren und in immer schneller und rasanter werdenden Abfolgen zu bewegen.

Diese Trainingsschritte zusammengenommen führen zu vollständiger Einsicht und Verständnis wie Körper und Geist als eine Einheit auf der Bühne eingesetzt werden können.

 

 

 









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